„Höre auf die Geschichte der Rohrflöte, wie sie sich über die Trennung beklagt…“,

…so beginnt das Werk „Matnawi“ des großen persischen Mystikers Dschelaleddin Rumi.

Fremd, unbehaust, isoliert, geängstigt – so umschreibt der Psychoanalytiker Erich Fromm die Grundverfassung des Menschen.

Die existenziellen Fragen der Fremdheit und Unbehaustheit führen den Menschen oft in Süchte und Pseudo-Sicherheiten, sie können dem Suchenden aber auch einen Weg der Charakterschulung weisen, den Fromm in seinem Buch „die Kunst des Liebens“ beschreibt. Dieser berühmte Titel dürfte vielen Zeitgenossen bekannt sein; weniger bekannt ist die Tatsache, dass Fromms Werk durch Lektüre des persischen Mystikers Rumi aus dem 13. Jahrhundert inspiriert wurde.

An diesem Abend werden Texte des Psychoanalytikers Erich Fromm und des Mystikers Rumi rezitiert. Dazu hören Sie europäische Gitarrenmusik sowie persische traditionelle Musik auf Al Oud.

Rezitation: Esther Böhm & Abbas Mashayekh
Musik: Abbas Mashayekh

Sonntag den 13.11.2011
um 19 Uhr im Gemeindehaus der prot. Kirchengemeinde Enkenbach

In Rahmen der Kulturtage Enkenbach-Alsenborn

Die Kunst des Liebens – Die Theorie der Liebe

„Das Wesentliche an der Existenz des Menschen ist ja, dass er sich über das Tierreich und seine instinktive Anpassung erhoben hat, dass er die Natur tranzendiert hat, wenn er sie auch nie ganz verlässt. ...
Mit der Geburt (der menschlichen Rasse wie auch des einzelnen Menschen) wird der Mensch aus eine Situation, die so unbedingt festgelegt war wie die Instinkte, in eine Situation hinein geschleudert, die nicht festgelegt, sondern ungewiss und offen ist. Der Mensch ist mit Vernünft ausgestattet;er ist Leben, das sich seiner selbst bewusst ist. Er besitzt ein Bewusstsein seiner selbst, seiner Mitmenschen, seine Vergangenheit und der Möglichkeiten seiner Zukunft. Dieses Bewusstsein seiner selbst als einer eigenständigen Größe, das Gewahrwerden dessen, dass er eine kurze Lebensspanne vor sich hat, dass er ohne seinen Willen gboren würde und gegen seinen Willen sterben wird, ... , dass er allein und abgesondert und der Kräften der Natur und der Gesellschaft hilflos ausgeliefert ist – all das macht seine abgesonderte, einsame Existenz zu einem unerträglichen Gefängnis. ...
Das tiefste Bedürfnis des Menschen ist demnach, seine Abgetrenntheit zu überwinden und aus dem Gefängnis seiner einsamkeit herauszukommen. ...
Eine vollbefriedigende Antwort findet man nur in der zwischenmenschlichen Einheit, in der Vereinigung mit einem anderen Menschen, in der Liebe.”
Erich Fromm (1900 - 1980)

Matnawi

„Höre auf die Geschichte der Rohrflöte wie sie sich über die Trennung beklagt: ‚Seit ich aus dem Röhricht geschnitten wurde,
hat meine Klage Mann und Frau zum weinen gebracht.
Ich suche nach einer von der Trennung zerissenen Brust, der sich meinen Sehnsuchtsschmerz enthüllen kann.
Jeder, der weit von seinem Ursprung entfernt ist, sehnt sich danach, wieder mit ihn vereint zu sein. ...
Der Körper wird nicht von der Seele verhüllt, die Seele nicht vom Körper, doch niemand darf die Seele sehen.
Diese Töne der Rohrflöte sind nicht aus Wind, sondern aus Feuer; wehe dem, der diese Feuer nicht besitzt.
Das Feuer der Liebe ist in der Flöte, die Glut der Liebe liegt im Wein.
Die Flöte ist der Freund all derer, die von ihrem Freunde getrennt worden; ihre Melodien zerreißen unsere Schleier. ...
Wie viel kann ein Krug aufnehmen, wenn du das Meer in ihn füllst? Einen Tagesvorrat.
Der Krug, das Auge des Begierigen, wird niemals voll; die Muschel wird erst mit Perlen gefüllt, wenn sie zufrieden ist.
Von Begierde und Unvollkommenheit wird nur gereinigt, wem eine mächtige Liebe das Gewand zerissen hat.
Heil dir, o Liebe, du bringst uns Gewinn – du bist der Arzt für alle unsere Krankheiten,
die Medizin gegen unseren Hochmut und unsere Ruhmsucht, unser Plato und unser Galen! ...
Um wen sich die Liebe nicht kümmert, der ist wie ein Vogel ohne Flügel; wehe dem Armen!”
Rumi (1207 - 1273)