Selige Sehnsucht — Goethe und der Islam

Goethe — West-östliche Divan (1819)
Hafiz — Aus dem Divan (Persien, 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts)

„Selige Sehnsucht - Goethe und der Islam": Im Zentrum steht nicht nur die Begegnung Goethes mit Marianne von Willemer, wie sie sich in seinem Zyklus „West-Östlicher Divan" ausdrückte, sondern auch die Faszination, die der Islam im größten deutschen Dichter zeitlebens entzündete.

Altpersische Lyrik, im Original von Ali Hosseini und in deutscher Übersetzung von Dieter Pucher dargeboten, werden den Abend atmosphärisch bereichern. Die musikalische Umrahmung hat Reza Kaveh übernommen.

Die Rheinpfalz, 29.1.2009

„Religionen als gleichwertig begreifen"

Interview: „Selige Sehnsucht - Goethe und der Islam" am Samstag Thema einer Benefizveranstaltung des Kiwanis-Clubs

Bad Dürkheim. „Selige Sehnsucht - Goethe und der Islam" heißt die Benefiz-Veranstaltung des Kiwanis-Clubs Bad Dürkheim, die am Samstag, 31. Januar, 19 Uhr, im Haus Catoir stattfindet. Mit Julia Hampl, Lehrbeauftragte für das Fach Deutsch am Studienseminar Speyer, die mit einem Referat die literaturhistorische Fundierung für Goethes Begeisterung liefert, sprach Gabriele Weingartner.

Frau Hampl, Ihr Vortrag meint doch nicht den Islam, den wir heute kennen, oder? Was konnte ein Dichter des 18. Jahrhunderts überhaupt von dieser Religion wissen?

Goethes Interesse an der Religion der Muslime ist zum einen zeitbedingt. Seit der Aufklärung beschäftigte man sich auf freiere Art mit nicht-christlichen Religionen. Man versuchte nicht mehr, wie zuvor in Mittelalter oder Barockzeit, die fremden Religionen gegenüber dem Christentum abzuwerten, sondern als etwas Gleichwertiges zu begreifen. Ganz sicher entspricht das Islambild Goethes nicht dem reduzierten Bild, das fundamentalistische Gruppen oder die westliche Presse heute von dieser Religion vermitteln. Goethe hat sich gezielt den philosophischen und literarischen Phänomenen des Islam zugewendet, hat sich mit persischer und arabischer Dichtertradition beschäftigt, mit Motiven aus dem Sufismus, in dem weltliche Liebe im Grunde nicht von Gottesliebe zu trennen ist. Er hat versucht, die Religion des Islam gewissermaßen „von innen" zu verstehen und schafft durch diese Offenheit erst die Voraussetzung, sich von der Begegnung mit dem Fremden inspirieren zu lassen.

Der Ausdruck „Selige Sehnsucht" stammt aus der Zeile eines Gedichts aus dem Zyklus „West-östlicher Divan", in dem Goethe seine Verehrung für den persischen Dichter Hafiz bekennt. Außerdem befand er sich zu jener Zeit in einem Zustand der akuten Verliebtheit zu Marianne Willemer, der jungen Frau eines Frankfurter Bankiers, von der auch einige Gedichte in den „Divan" eingegangen sind. Konnte Goethe im Bezug auf die östliche Poesie seine Gefühle unverstellter ausdrücken?

Marianne von Willimer und GoetheWir sollten die Gedichte des Divan nicht als reine „Empfindungslyrik", also als ein biographisches Dokument ansehen, sondern vor allem als Bekenntnis zur Kunst, die immer auch eine religiöse Dimension beinhaltet. Goethe findet bei dem persischen Dichter Hafiz eine Fülle von Stoffen und Motiven, die er auf einmalige Weise mit antiker und westlicher Lyriktradition verbindet.

Hat Goethe denn im Koran gelesen? Und was hat er daraus geschöpft?

Ja, aber nicht im Original. Die ersten Übersetzungen kursierten in Mitteleuropa bereits seit den Kreuzzügen, allerdings schimmerte immer die islamfeindliche Haltung der Übersetzer durch. Goethe hatte die einigermaßen neutrale Koran-Übersetzung des Franzosen du Ruyer aus dem Jahre 1647 zur Verfügung. Er übte sich in Kalligraphie und äußerte über die Sprache des Koran: „Wenig fehlt, dass ich noch Arabisch lernte. In keiner anderen Sprache ist vielleicht Geist, Wort und Schrift so uranfänglich zusammengekörpert."

Besonders fasziniert hat ihn wohl am Islam dessen Weltzugewandtheit und speziell im Koran diejenigen Suren, die Gottes Wirken in Naturereignissen, im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten, im Gang der Wolken und Gestirne darstellen. Hier lässt sich auch eine Brücke schlagen zu Goethes pantheistischer Natur- und Gottesvorstellung. Der Monotheismus des Islam steht für Goethe hierzu nicht im Widerspruch.

Was hat Sie selbst dazu bewogen, sich mit Goethe und seiner Beziehung zum Islam zu beschäftigen? Und was wiederum soll das Publikum aus der Veranstaltung „mitnehmen"? Geht es Ihnen um die Poesie? Oder auch um Aufklärung über eine Religion, über die furchtbar viele Vorurteile im Umlauf sind?

Ich muss gestehen, dass der Islam die Religion war, gegen die ich die meisten Vorurteile hatte. Die Vermittlung eines ganz anderen, positiven Islambildes durch den großen deutschen Dichter weckte in mir aber ein Interesse an dieser Religion; so habe ich begonnen, mich mit der Literatur islamischer Dichter und mit dem kulturellen Einfluss des Islams auf Europa zu beschäftigen. Schließlich verdanken wir die Existenz spezifischer Formen deutscher Lyrik, z.B. den Minnesang, dem islamisch-christlichen Kulturkontakt im maurischen Spanien. Das heute durch die Medien übermittelte Islambild zeigt uns ja vor allem negative Aspekte: Islamismus, Parallelgesellschaften, Kopftuchstreit. Dabei sehen wir nicht mehr die Facetten des Islam und vergessen die Produktivität, die in einer Begegnung der Religionen und Kulturen stecken kann. Goethe zeigt einen freigeistigen Umgang mit religiösen Themen und knüpft dabei an eine alte (auch) islamische Tradition an, die des Mystikers Hafiz etwa. Ich hoffe, an dem Abend zeigen zu können, wie gewinnbringend für die deutsche Literatur Goethes Begegnung mit islamisch-mystischer Literatur war.

CD-Mitschnitt

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