Projekt Wein- und Seidenstraße
Mai – September 2008
Prof. Dr. Peter Kupfer, FASK, Universität Mainz
1. Mitteilung aus Germersheim (29. April 2008)
Im Rahmen der Orientierungs- und Umbruchsphase, von der die vormals der Sowjetunion angehörigen Länder entlang der so genannten Seidenstraße in Vorder- und Zentralasien betroffen sind, machen sich gegenwärtig verschiedene Tendenzen bemerkbar. Auf der einen Seite stehen Versuche dieser neuen unabhängigen Staaten im Vordergrund, auf dem Weg der Identitätsfindung zu den eigenen Wurzeln zurückzukehren und Traditionen wiederzubeleben. Auf der anderen Seite erfolgt eine in den letzten Jahren in nahezu allen Lebensbereichen spürbare Orientierung hin zum östlichen Nachbarn China, der in Zentralasien neben politischen Allianzen und zunehmenden wirtschaftlichen Verflechtungen – in besonders deutlicher Weise etwa bei infrastrukturellen Entwicklungsprojekten wie dem Straßenbau – nunmehr auch gezielte Maßnahmen zur Verbreitung der chinesischen Sprache und Kultur in Angriff nimmt. Die mit dem Beginn des neuen Jahrtausends eingeleitete auswärtige Kulturpolitik Chinas, die sich in der Einrichtung von weltweit über 200 Konfuzius-Instituten innerhalb von drei bis vier Jahren manifestiert, wendet sich neuerdings den postsowjetischen Staaten entlang der Seidenstraße, von Georgien bis Kasachstan, zu. Hier hat China soeben begonnen, in die Gründung neuer Konfuzius-Institute und in bildungspolitische Programme zur Förderung der chinesischen Sprache und Kultur zu investieren und scheint dies mit großer Resonanz vor allem bei der dortigen jüngeren Generation zu tun.
In diesem Kontext ist heute schon eine Renaissance der beispiellosen Tradition des geistigkulturellen und wirtschaftlich-technologischen Austausches in einem gewaltigen geographischen Raum und über weite Distanzen festzustellen, die auf eine über zweitausendjährige Geschichte zurückblicken kann und unter dem Begriff der "Seidenstraße" subsumiert wurde. Insofern ist in nicht allzu ferner Zukunft ein Wiederaufblühen dieser multikulturellen Begegnungen mit entsprechenden regional-, ja globalpolitischen Auswirkungen zu erwarten. Neuere Entdeckungen und Erkenntnisse deuten darauf hin, dass dieser Austausch in Verbindung mit beständigen Migrationsbewegungen über die eurasische Landbrücke hinweg bereits viel früher als bislang angenommen, möglicherweise schon im Neolithikum, existiert hat. Ein prominentes Beispiel ist die Kultivierung und Herstellung von Wein, die etwa zur gleichen Zeit, vor 8.000 bis 9.000 Jahren, sowohl in Georgien als auch in Zentralchina nachgewiesen werden kann (vgl. hierzu die Ergebnisse des International & Interdisciplinary Symposium on Cultural Studies of Wine in China and Germany, 4.-7. Oktober 2007, in Germersheim).
Während meiner fünfmonatigen Reise mit meiner Frau Zahra im privaten Wohnmobil durch Osteuropa, Vorder- und Zentralasien bis nach Westchina ist geplant, auf der Basis sowohl historischer wie aktueller Konstellationen und Wechselbeziehungen zwischen den Nationalitäten und Sprachen in den antiken chinesischen Einflussregionen gegenwarts- und entwicklungsorientierte Untersuchungen zu den vielfältigen sprachlich-kulturellen Kontakten, mit Schwerpunkten in der aktuellen Rolle der chinesischen Sprache und Schrift in Bildung und Kommunikation, durchzuführen. Die vielfältigen, teils von chinesischer Seite vermittelten Kontakte zu Universitäten, Wissenschaftlern und Konfuzius-Instituten in den betreffenden Ländern werden für einen intensiven Dialog und Informationsaustausch genutzt, mit dem Ziel, einerseits die neuen Einflüsse chinesischer Sprache und Kultur und ihre Rezeption vor Ort zu beobachten, andererseits die internationale Zusammenarbeit und Vernetzung im Bereich der Didaktik des Chinesischen als Fremdsprache auch auf diesen künftig geopolitisch bedeutenden Raum auszudehnen. Am Rande dient die Reise auch dazu, neuere Erkenntnisse zur antiken Weinkultur in der transkulturellen Wissenschafts- und Literaturgeschichte entlang der Seidenstraße zu gewinnen und damit zugleich die überkommenen Kategorien von Europa vs. Asien beziehungsweise Westen vs. Osten aus geographischer wie historischer Perspektive zu relativieren.
